Auf was wir hoffen dürfen - Gründonnerstag
Joh. 13, 1-15
05. April 2026
Zwischen Jubel und Verletzlichkeit
Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung. Es fand ein Mahl statt und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn auszuliefern. Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war. Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen? Jesus sagte zu ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen. Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. Er wusste nämlich, wer ihn ausliefern würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein. Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.
Gedanken zum Text
Das Evangelium des Gründonnerstags beginnt mit einem eindrücklichen Satz: „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war.“ Er weiß um die Gefahr, die bevorsteht. Um den Verrat und den Tod. Währenddessen sitzt er mitten unter den Menschen, die er liebt, und isst mit ihnen.
Wenn ich an meine eigene „letzte Stunde“ denken müsste, würde mir vieles einfallen, was ich tun oder lassen würde. Doch Jesus entscheidet sich für etwas, was mir in diesem Moment nicht als erstes einfallen würde: für die Fußwaschung. In dieser Geste zeigt sich Jesus in tiefer Demut. Vor Gott, im Vertrauen auf ihn, und zugleich auch vor den Menschen. Bevor er sein Leben hingibt, stellt er sich in ihren Dienst. Und zwar mit einer Handlung, die damals wie heute mit Unterordnung verbunden wird.
Jesus kennt die Stunde seines Todes, und er weiß, dass dieser Weg der Weg der Liebe Gottes ist. Denn wenn Gottes Sohn wirklich ganz und gar Mensch geworden ist, dann führt ihn dieser Weg bis an den äußersten Rand des Menschseins: in Verletzlichkeit, Angst, Verrat und schließlich in den Tod. Gerade darin offenbart sich Gott: im Mit-leiden, im Mit-aushalten, im Sich-ganz-auf-eine-Stufe-mit-uns-stellen. Kein Aspekt des Menschseins bleibt bei Jesus ausgespart.
Aber seine Reaktion auf diese Offenbarung wirkt größer, als ich es mir für mich (und wahrscheinlich viele Menschen) vorstellen kann. Jesus flieht nicht. Er bleibt. Er gibt sich hin. Er gibt sich trotz (oder gerade wegen) seines bevorstehenden Todes in Beziehung zu den Menschen. Er rebelliert nicht, auch wenn seine menschliche Verzweiflung im Garten Getsemani und später am Kreuz spürbar wird, wenn er bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und wenn am Karfreitag sein Aufschrei ertönt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.
Im Verlauf der Karwoche und den folgenden Ostertagen wissen wir: auch Gott flieht nicht. Er bleibt. Wir wissen, dass der Tod nicht das Ende ist. Wir vertrauen darauf, dass Gott an unserer Seite bleibt, gerade dann, wenn wir selbst durch die Abgründe unseres Menschseins gehen. Auch wenn es schwer sein kann, diese Nähe zu spüren oder dieses Vertrauen aufzubringen, zeigt uns das Evangelium am Gründonnerstag, was wir tun können.
Wie kann ich mich verhalten, wenn ich um „meine Stunde“ weiß? Diese „Stunde“ kann vieles sein: ein Abschied, eine Entscheidung, eine Krise, eine Veränderung. Das Evangelium lädt uns ein, diese Stunde mit Gott gemeinsam zu betrachten:
Welche Stunde in meinem Leben ruft mich dazu, ehrlich hinzuschauen?
Kann ich in Beziehung bleiben? Zu mir selbst, zu anderen, zu Gott?
Gibt es jemanden, die/der mit mir wartet, mit mir aushält?
Wo wird es still in mir? Wo kann ich Raum schaffen zum Hinhören?
Ich wünsche uns allen, dass wir in diesen Tagen vor Ostern Zeit und Offenheit für solche Fragen finden, damit wir das Fest der Auferstehung mit einem Herzen feiern können, das weit ist und bereit für die Botschaft, auf die unser Glaube ausgerichtet ist: Gottes Liebe siegt über alles. Auch über den Tod.