10. Mai 2026
Lieber echt als perfekt
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet. An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.
Gedanken zum Text
„Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“
Aus heutiger Perspektive, gerade im Kontext bedürfnisorientierter Pädagogik, klingt dieser Satz wie eine Form von emotionaler Erpressung. Als würde Liebe an Gehorsam geknüpft. Will Jesus also willenlose Menschen, die wie Lemminge seine Gebote befolgen, um geliebt zu werden? Ist das die Botschaft dieses Evangeliums?
Spoiler: nein.
Jesus spricht diese Worte im Wissen um seinen bevorstehenden Abschied. Er bereitet seine Jünger*innen darauf vor, dass sie ohne ihn weitergehen müssen. In dieser Situation geht es ihm nicht um blinden Gehorsam, sondern um etwas, das von ihm bleiben kann: um eine innere Verankerung seiner Haltung und Werte. Die entscheidende Bewegung verläuft nicht von außen nach innen (Halt dich an die Gebote, dann liebe ich dich.), sondern von innen nach außen. Wer Jesus liebt, wird seine Gebote halten. Dieses Einhalten ist nicht Voraussetzung der Liebe, sondern ihr Ausdruck. Es geht also nicht um Gesetzestreue, sondern um eine Haltungsfrage. Wer sich wirklich an Jesu Leben und Botschaft orientiert, wird aus sich heraus beginnen, so zu handeln: Nächstenliebe leben, Gemeinschaft stärken, menschenfreundlich handeln.
Solches Handeln kann nicht erzwungen werden, es muss aus innerer Überzeugung wachsen. Zugleich verbindet Jesus diese Lebensweise mit einem Versprechen. Gottes Gegenwart bleibt, nicht mehr sichtbar wie zuvor durch Jesus, sondern innerlich.
Das bedeutet, dass die Jünger*innen nicht auf sich allein gestellt sind. Sie leben aus einer Beziehung, die sie tragen kann. Darum liegt in diesem Text auch eine starke Zusage:
Wer in dieser Weise lebt, erfährt Gottes Liebe nicht erst irgendwann, sondern jetzt schon. Gottes Nähe ist keine Belohnung für moralische Perfektion, sondern eine Wirklichkeit, in der man steht und aus der man lebt.
Und trotzdem bleibt die Frage: Was passiert, wenn ich mal nicht aus meiner Haltung heraus handele, oder vielleicht sogar entgegen meinen Überzeugungen? Auch mit den besten Absichten handeln wir immer wieder widersprüchlich, in der Familie, im Alltag, im Glauben.
Verspiele ich damit die Liebe Gottes?
Spoiler: nein.
Gottes Liebe ist nicht von einer perfekten Befolgung und Umsetzung der Gebote abhängig. Wir müssen weder vor Gott, noch vor anderen perfekt sein.
Aber: wir müssen unsere Liebe ernst meinen. Wer „ich liebe dich“ sagt (zu Gott, zu Familie, zu Partner*innen, zu Menschen), muss diese Liebe spürbar machen. Dazu gehört auch, dass man sich mit seinen eigenen Schwächen, seinen getanen Fehlern auseinandersetzen muss und für diese Verantwortung übernimmt. Bei anderen um Entschuldigung bitten, sich verletzlich, sich nahbar machen.
Gott hat uns keinen Regelkatalog gegeben, der für uns als Garant eines guten und gottgefälligen Lebens dient, sondern vielmehr eine Handreichung, das Leben mit Liebe füllen zu können, für uns selbst und dadurch auch für andere.
Ich wünsche uns allen, dass wir selbst solche „nicht perfekten“ Menschen sein können und diesen begegnen.