24. Mai 2026
Zwischen Verstehen und Deuten
Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamíter, Bewohner von Mesopotámien, Judäa und Kappadókien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrýgien und Pamphýlien, von Ägypten und dem Gebiet Líbyens nach Kyréne hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselýten, Kreter und Áraber – wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.
Gedanken zum Text
„Jeder hörte sie in seiner Sprache reden“ – in Zeiten von KI-Übersetzungstools scheint das gar keine so große Leistung mehr zu sein. Zur damaligen Zeit aber war es das durchaus. Die Menschen, die der Text beschreibt, kommen aus der gesamten damals bekannten und erreichbaren Welt: Zwischen Libyen und dem heutigen Iran, zwischen Rom und dem heutigen Turkmenistan. Es muss eine Vielfalt von Sprachen und kulturellen Hintergründen gewesen sein, die damals in Jerusalem zusammentrafen.
Heute ist das deutlich einfacher: Viele Menschen nutzen Englisch als Verkehrssprache; und falls das nicht funktionieren sollte, gibt es immer noch KI-basierte Übersetzungstools. Verständigung ist also gar kein Problem mehr – oder?
Viele Dinge können wir übersetzen – Verständigung aber bedeutet das nicht unbedingt. Nur weil man Worte verstehen kann, heißt das nicht notwendigerweise, dass man auch versteht, was damit gemeint ist: Was steckt hinter einer Aussage? Was bewegt jemanden etwas zu sagen? Welche Erfahrungen führen zu der Aussage?
Das gilt nicht nur für Fremdsprachen, sondern auch für Menschen, die dieselbe Sprache sprechen. Es versteckt sich viel mehr hinter einer Aussage, als wir rein sprachlich verstehen können. Es lohnt sich also, auch mal hinter das gesprochene Wort zu schauen, um zu verstehen, was die Menschen bewegt. Auf das, was sie unbewusst oder bewusst verstecken, auf das was gar nicht in Worte gefasst werden kann.
Unbewusst deuten wir ganz viel aus dem Subtext einer Aussage: Mimik, Gestik, Anspielungen, vermeintliche Vorwürfe, und so weiter. Aber wie oft liegen wir mit so einer Deutung eigentlich richtig? Wie oft passiert es, dass wir Menschen verurteilen wegen etwas, das wir in ihre Aussage reingedeutet haben, dass sie möglicherweise gar nicht so gemeint haben? Wie oft haben wir schon vor dem eigentlichen Gespräch eine Meinung von einer Person, die unser Verstehen beeinflusst?
Wie schön wäre es doch, wenn der Heilige Geist käme, und wir uns alle verstehen könnten…