Seligpreisungen als Manifest
Mt 5, 1 - 12A
01. Februar 2026
Seligpreisungen als Manifest
In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.
Gedanken zum Text
Jesus war Antikapitalist.
Wenn man das heutige Evangelium hört, könnte man meinen, Jesus hat vorher noch ein bisschen in Karl Marx „Das Kapital“ gelesen (zumindest bis zur Religionskritik), denn was er in den Seligpreisungen sagt, ist eher „marktunverträglich“.
Während unsere Gesellschaft ständig fragt:
„Was bringst du? Was leistest du? Wie viel bist du wert?“, antwortet Jesus mit: „Ist mir egal. Mir egal, wie viel du verdienst. Mir egal, mit wem du abhängst. Mir egal, welches Auto du fährst und mir egal, wie du aussiehst.“
Für ihn sind nicht die Erfolgreichen, Lauten und Durchsetzungsstarken die Menschen, denen er sich zuwendet.
In seiner Rede spricht er nicht von denjenigen, die am besten abschneiden, sondern stellt die Menschen in den Mittelpunkt, die man heute im politischen Diskurs „leistungsschwach“ nennen würde.
Die Trauernden, die Sanftmütigen, die Hungrigen nach Gerechtigkeit.
Nach der ersten Kritik an einer Gesellschaft, die nur auf Leistung schaut, gibt es in der Rede außerdem einen Wertekatalog, der neoliberalen Markt-Fans wahrscheinlich Bauchschmerzen bereitet: Barmherzigkeit als Stärke, Sanftmut als Macht und Friedenstiften als Gewinn.
Keine Gewinnmaximierung, kein Controlling, kein „höher, schneller, weiter“.
Na gut, die Werte stehen, aber ganz kommt auch Jesus nicht an den Gewerkschafter:innen vorbei, denn natürlich kommt die Frage nach „was bringt das denn den Menschen?“ auf.
Was bringt es mir, wenn ich barmherzig, sanftmütig und gerecht bin?
Wem ist geholfen, wenn ich arm, traurig oder verfolgt bin?
Jesus spricht daher am Ende seiner Rede von Entlohnung. Aha, also doch Kapitalismus!
Aber die Entlohnung Gottes ist ebenfalls losgelöst von unseren Kategorien. Nicht Bonuszahlungen und Leistungszuschläge stehen in Aussicht, sondern etwas viel größeres: das Himmelreich.
Also arbeiten, bis man tot ist?
Nein, die Entlohnung Gottes folgt in uns und durch uns selbst, denn das Himmelreich beginnt nicht irgendwann später. Das Himmelreich beginnt jetzt.
Wenn wir jetzt Frieden stiften.
Wenn wir jetzt barmherzig handeln.
Wenn wir jetzt gerecht sind.
Wenn wir Trauernde trösten.
Dann verändert sich etwas. Vielleicht nicht global. Aber für die Menschen, denen wir begegnen.
Die absolute Fülle davon erleben wir noch, aber die Richtung, in die die Welt sich verändert, die bestimmen wir schon heute.
Darum gilt: „Freut euch und jubelt.“
Nicht weil alles leicht ist.
Sondern weil wir wissen dürfen: Wir sind gesehen. Wir sind geliebt. Wir sind wertvoll.
Und das ganz ohne etwas dafür getan haben zu müssen.